- New Classical Guitar
- Posts
- Ausgabe 22
Ausgabe 22
In dieser Ausgabe: Merce Font im Youtube-Fund der Woche, Album der Woche von Gabriele Leite, Noten für die Morgenroutine mit Leon Albert, Know-How mit Valeria Galimova und die Feel-good-Melodie der Woche mit Derya Yıldırım & Grup Şimşek
Hey!
Der März ist schon wieder fast durchgereist, aber nicht ohne in Form eines Newsletters noch mal zu winken und nicht ohne jede Menge neue Musik dazulassen.
Mit einer Widmung von Robert Schumann an Clara im YouTube-Fund der Woche geht die heutige Reise los. Im Gepäck haben wir dabei ein spannendes Album von Gabriele Leite, das uns entspannt flussabwärts durch den Frühling bringt.
Entspanntheit ist auch das Stichwort im Interview der Woche mit der wunderbaren Valeria Galimova. Sie beschäftigt sich nämlich neben ihrem Gitarrenspiel auch intensiv mit Musikphysiologie und ihre Antwort auf die obligatorische Plakat-Frage zählt jetzt schon zu den schönsten Antworten des Jahres.
Auf ein Plakat würde es übrigens auch mühelos Leon Albert mit seiner Kaffeetasse und seinem kompositorischen Talent schaffen. Er hat uns wieder eine Routine in Form von Noten mitgebracht, sein Humor und seine Kreativität sind aber alles andere als reine Routine.
Nun aber legt die Aktenordner beiseite und schaltet das Metronom kurz aus: Hier kommt eine letzte Brise März.
Viel Freude beim Lesen.
Stefan & Willi
YOUTUBE-FUND DER WOCHE
mit Merce Font
Widmungen sind doch irgendwie was Schönes. Robert Schumann vertonte das Gedicht Du meine Seele, du mein Herz von Friedrich Rückert als Widmung an Clara Schumann. Das tolle Gitarre-Solo-Arrangement von Carlo Marchione und die musikalische Interpretation von Merce Font sind dem Gedicht an Liebe und Hingabe sehr nah, sodass an dieser Stelle nur die letzte Zeilen der in diesem Arrangement nicht mehr enthaltenen Worte zitiert sein mögen: „Du hebst mich liebend über mich / Mein guter Geist, mein bessres Ich“!
ALBUM DER WOCHE
mit Gabriele Leite

Die aus São Paulo stammende Gitarristin Gabriele Leite wird als „Rising Star“ der klassischen Gitarrenwelt beschrieben. Nachdem wir ihr Debutalbum (mehrmals) durchgehört haben, können wir das nur allzu gut nachvollziehen! Piekfein gespielt, toller transparenter und trotzdem druckvoller Sound. Alle Stücke wirken so liebevoll natürlich interpretiert.
Gabriele hat eine spannende Mischung für die Rezeptur des Albums ausgewählt, mit der sie sich ausschließlich im 20. Jahrhundert aufhält. Man fährt mit dem Album sicher entspannt flussabwärts. Ein Hafen schöner als der andere.
Gabrieles Interpretation von William Waltons Five Bagatelles ist schon mal eine Ohrenweide und Ritmata von Edino Krieger ist ein Brecher von einem Stück (kannten wir vorher nicht).
Danach kommt für uns der Höhepunkt der CD: Die Sonata von Sérgio Assad. Stimmtrennung, pulsierend durchgängiger Groove und offensichtlich ausreichend Verständnis für Phrasen geben den Sätzen immer die richtige Richtung. Hammerstück, Hammerinterpretation!! Und als herzerwärmender Abschluss die Melodia Sentimental (Arr. Gabriele Leite) von Villa-Lobos, in die die Gitarristin all ihre Musikalität und ihren Ausdruck wirft.
Hört euch den ersten Satz der Sonata an, solltet ihr erstmal nur eine Kostprobe nehmen wollen. Dann läuft der 2. Satz unweigerlich weiter und ihr seid gefangen in diesem schönen Album!
MORGEN-ROUTINE
Auf einen Kaffee mit Leon Albert

Hi Leon, was ist die Routine für diese Woche?
Unabhängigkeit.
Ich musste einen Song begleiten, der sonst mit Klavierbegleitung ist, und habe gemerkt, dass ich im 3/4-Kontext noch nicht so flexibel bin, wie ich es gerne wäre. Ziel ist es, mit dem Daumen den Groove bzw. die Begleitung durchziehen und sich obendrüber rhythmisch spontan und frei verhalten zu können. Um Improvisation zu lernen, hilft es mir oft, eine Etüde zu solchen bestimmten Herausforderungen zu schreiben. Von Klavierparts zu lernen, ist für uns an der Gitarre außerdem eh immer super gut und inspirierend.
KNOW-HOW
mit Valeria Galimova

Valeria Galimova ist uns schon vor einer ganzen Weile aufgefallen. Die Flüssigkeit ihres Gitarrenspiels, das Tänzerische und die Verbindung mit ihrem Instrument fallen sofort auf, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich intensiv mit Musikphysiologie beschäftigt hat. Deshalb haben wir uns erlaubt, Valeria zu diesem Thema ein paar Fragen zu stellen.
Hi Valeria, neben deinem Leben als Musikerin beschäftigst du dich intensiv mit Musikphysiologie und gibst auch Seminare. Was fasziniert dich daran?
Ich habe mit der Physiologie angefangen, nachdem mir mein ehemaliger Professor, Ricardo Gallien, geholfen hat, technische Probleme zu lösen, die ich jahrelang nicht überwinden konnte – verspannte Schultern, Schwierigkeiten, laut zu spielen, und Schmerzen in den Händen. Dank meiner Kenntnisse der Anatomie und Physiologie des Körpers konnte ich diese Probleme überwinden. Jetzt, mit diesem Wissen, kann ich meinen Schüler*innen helfen, indem ich ihnen die Arbeit der Muskeln erkläre, und plötzlich klappt es bei ihnen! Ich gehöre nicht zu denen, bei denen alles von selbst funktioniert – ich muss es verstehen und durchdenken, aber wenn es funktioniert, inspiriert es mich unglaublich!
Wie bewusst nimmst du deinen Körper beim Gitarrespielen wahr bzw. welche physiologischen Aspekte sind dir selbst beim Spielen wichtig?
Was für eine gute Frage! Bevor ich mit dem Physiologiekurs begann, dachte ich, dass ich meinen Körper gut kenne und kontrolliere. Aber ich bemerkte viele Verspannungen, die ich nicht spürte, wie in meinen Beinen und Hüften. Ich suchte die Ursache für meine Technikprobleme in den Schultern, doch erst im Kurs lernte ich, diese Verspannungen zu erkennen und zu lösen. Der wichtigste Aspekt beim Instrumentenspiel ist die Fähigkeit, die Muskeln WÄHREND DES SPIELS anzuspannen und zu entspannen. Das ist eine wahre Meisterschaft. Dank der praktischen Übungen unserer Professor*innen habe ich das nun gemeistert und achte viel bewusster auf die Empfindungen in meinem Körper.
Welche regelmäßigen Übungen kannst du Gitarrist*innen zur Verletzungsvorbeugung empfehlen?
Die wichtigste Regel ist – nicht mit Schmerz weiterzumachen! Man muss lernen, anzuhalten und den Händen und dem Körper Ruhe zu gönnen, auch wenn es ein paar Tage dauern wird! Es ist auch sehr wichtig, alle 40 Minuten Pausen zu machen und den Körper zu dehnen. Man sollte konzentriert üben und nicht die Übungen auf 7–8 Stunden am Tag ausdehnen. Endlich lernen, mental zu üben! Viele mögen das nicht, aber es ist so effektiv! Und lernen, progressive Muskelentspannung zu praktizieren. Diese Übung hat mir geholfen, Verspannungen im Körper zu spüren und die Muskeln während des Spiels zu entspannen. Sie ist super hilfreich! Ich würde empfehlen, sie jeden Tag zu machen.
Dein Debüt-Album Lost & Found erscheint demnächst. Hast du schon mal etwas Wichtiges verloren und dann wiederbekommen? Wie wichtig war dir die Musikauswahl und was ist für dich das persönlichste Stück auf dem Album?
Dieses Album ist mein Selbstporträt und spiegelt die Gefühle vieler wider. Es erzählt von meiner Entscheidung, in ein anderes Land zu ziehen und alles neu aufzubauen. Ein wichtiges Thema ist auch der Wunsch, meine Gedanken zu Kriegen und Konflikten auszudrücken. Besonders ist, dass 6 der 10 Stücke speziell für dieses Projekt von Komponist*innen aus verschiedenen Ländern geschrieben wurden. Das persönlichste Stück ist „Valse for Valeria“, das mir von Mathias Duplessy gewidmet wurde. Wenn ihr den Text zu diesem Stück lest, der sich in der Hülle der CD befindet, werdet ihr meine Gefühle verstehen. Ein absolut berührender und kraftvoller Text!
Wenn du einen Satz auf ein Plakat drucken lassen könntest, das in riesiger Auflage bei allen (klassischen) Musik-Festivals der Welt hängen würde. Welcher wäre das?
Jeder Künstlerin ist ein besonderer Stern. Der Himmel ist unermesslich, für alle gibt es einen Platz.
Valerias Website… https://valeriagalimova.com/
…und Valeria auf Instagram: https://www.instagram.com/valeria_galimova_/
FEEL-GOOD-MELODIE DER WOCHE
mit Derya Yıldırım & Grup Şimşek
Eine beschwingte und positive Melodie! Da hat man gleich Lust, morgens aus dem Bett zu springen. Oder mitten am Tag mal in den Himmel schauen. Stress? Bad News? Kurz die Kopfhörer auf, die Haare in den Wind und aufgesprungen auf den Zug der guten Laune!
Unsere Feel-good-Melodie der Woche!
OUTRO
Der März war eine gute Reise. Wir bedanken uns und freuen uns auf die nächste Ausgabe, für die wir schon einige spannende Themen in der Tasche haben. Wir selbst haben den März sehr genossen und freuen uns, dass uns mittlerweile auch immer mehr Tipps und Vorschläge sowie Feedback erreichen. Die Community wächst. Danke!
Wir hören und lesen uns!
Stefan & Willi
New Classical Guitar ist ein Newsletter von Willi Leinen und Stefan Degel von TMBM. Unsere Musik und weitere Infos zu unserem Werdegang findet ihr unter t-m-b-m.com
Auf Spotify kuratieren wir eine Playlist mit unseren Lieblingsstücken. Ihr könnt unserer New Classical Guitar Playlist unter https://open.spotify.com/playlist/3ZwxJRAsW9Zs2JiS2eLy6a?si=9b2a737f01c043a4 folgen und uns gern neue Empfehlungen schicken.