Ausgabe 39

In dieser Ausgabe: Ine Clerckx im Youtube-Fund der Woche, Album der Woche von Thibault Cauvin, Noten für die Morgenroutine mit Leon Albert, Interview mit Mercè Font und die Feel-good-Melodie der Woche mit The Fearless Flyers

Hey!

Schwachstellen sind nicht per se etwas Negatives. Sie zu erkennen, damit umzugehen, und sich zu entwickeln, damit beschäftigt sich (und uns) Leon Albert in seiner Etüden-Routine in dieser Ausgabe. Auch im Interview der Woche geht es darum, wie man trotz möglicher zeitlicher Engpässe – wenn das Leben um eine*n herum lauter wird – eine gesunde Übe-Routine beibehalten kann. Die Antworten auf unsere Fragen sind für euch hoffentlich genauso inspirierend und hilfreich wie für uns. Außerdem haben wir ein Album der Woche im Gepäck, das sich von vielem abhebt und den zwischenmenschlichen Bezug in den Mittelpunkt stellt, und im Video der Woche sind wir über ein wahrhaft schönes Kleinod gestolpert, das unaufgeregt verzaubert und uns leichtfüßig in das fortschreitende Jahr schwingt. Und wenn ihr euch auch nach Feel-good fühlt, checkt mal die Feel-good-Melodie der Woche aus. Instrumentale Verspieltheit allerfeinster Sorte!

Viel Spaß beim Lesen,
Stefan und Willi

YOUTUBE-FUND DER WOCHE
mit Ine Clerckx

Kein ausführlicher Kontext, sondern einfach ein Video, das uns beim Stöbern sofort in die richtige Stimmung gezogen hat. Roland Dyens’ Alba Nera, gespielt von Ine Clerckx, ist ein toller Fund: unaufgeregt, aber mit leichtem Sog, der dafür sorgt, dass man nicht weiterklicken kann.

Dyens hat das Stück als Habanera angelegt – wiegender Puls, der trägt, der wunderbar schaukelt. Und dann gibt’s da ein Detail, das man ruhig vorab wissen darf, weil es beim Hören auffällt: Scordatura. Die 5. Saite wird auf B hochgestimmt. Das ist so eine winzige Änderung, aber die Wirkung ist nicht ganz so klein. Die Basslinien fühlen sich anders an, die Voicings liegen anders, und die ganze Farbe kippt ein bisschen ins Dunklere. Passend übrigens zum Titel: „Alba Nera“ – sinngemäß „schwarze Morgendämmerung“.

ALBUM DER WOCHE
mit Thibault Cauvin

Mal was Neues? Voilà!

Klassische Gitarre, aber nicht ausschließlich…

Stark produziert, aber von einem Produzenten, der mit klassischen Gitarrenalben eher wenig zu tun hat…

Starke Story, aber … Kein Aber!

„Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst“ (Cicero)

Ein enger zwischenmenschlicher Bezug zu einer Person spiegelt oft einen Teil der eigenen Persönlichkeit wider. Wie befruchtend Freundschaften – oder im weiteren Sinne nachhaltig prägende Begegnungen – sein können, zeigt uns Thibault Cauvin in seiner neuesten Veröffentlichung Alter Ego.



Wie 11 Charaktere erscheinen die 11 Titel auf der Platte. Wie 11 Personen, die Thibault Cauvin in 11 verschiedenen Ländern dieser Welt getroffen hat. Die Stücke lassen schnell Bilder davon entstehen, wo diese Momente stattgefunden haben könnten.

Eine Begegnung anderer Art scheint für die Platte besonders fruchtbar gewesen zu sein: Die Zusammenarbeit mit dem Produzenten David Wrench. Die Produktion gibt uns einen inspirierenden Einblick, wie man die klassische Gitarre in neue klangliche Kontexte setzen kann und dadurch die Aussage eines Stückes auf eben dieser Ebene unterstützen kann.

Wir haben uns jedenfalls gefreut, all diese Bekanntschaften zu machen, und können nur sagen: Lasst euch ruhig drauf ein!

MORGEN-ROUTINE
Auf einen Kaffee mit Leon Albert

Hi Leon, was ist die Routine für diese Woche?

Eigene Schwachstellen eingestehen und lernen, mit ihnen umzugehen.

INTERVIEW

“Es geht darum, eine Struktur zu finden, die dich zum Hinhören anregt”

Wie man eine Übe-Routine beibehält, wenn das Leben hektisch wird

mit Mercè Font
Das Jahr ist schon nicht mehr ganz so jung, aber wir sind nur minimal zu spät dran. Und genau darum geht es: Routinen bewähren sich nicht am 2. Januar, sondern erst, wenn das echte Leben wieder losgeht und alles auf einmal zu passieren scheint.

Mercè hat kürzlich ein entwaffnend ehrliches YouTube-Video gepostet, in dem sie über ihr letztes Jahr reflektiert. Es ist kein hochpoliertes Reel, sondern vielmehr eine realistische, authentische Message, einschließlich der Wochen, in denen das Üben nicht so recht in den Tagesablauf passte, und die konsequente Routine schwieriger war, als sie sein “sollte”. Genau deshalb ist das für so viele von uns relevant. Die meisten Gitarrist*innen haben an sich keine Probleme mit der Motivation, sondern eher damit, wie sie es schaffen, weiterzumachen, wenn Unterricht, Proben, Termine, Reisen oder einfach das Leben dazwischenkommen.

Wir wollten wissen, was ihr dabei hilft, weiter zu üben, ohne dass es zu einer weiteren Belastung wird, wie sie sich Ziele setzt, die sie tatsächlich durch die Woche bringen, wie eine kurze, aber sinnvolle Übe-Session aussehen kann und wie man wieder in die Spur kommt, wenn man ein paar Tage pausiert hat. Wie immer beenden wir das Interview mit unserer Posterfrage.

Neben dem Video hat Mercè auch einen sehr praktischen Übe-Tracker entwickelt, mit dem man Routinen protokollieren und konsequent bleiben kann. Wir verlinken ihn direkt unter dem Interview.

Hallo Mercè! Wenn das Leben hektisch wird, was hilft dir dabei, konsequent weiter zu üben, ohne dass es zu einer weiteren Belastung wird?
Es gibt Momente im Leben, in denen alles laut wird. Deadlines, Erwartungen, Verantwortlichkeiten sprechen alle gleichzeitig, und Musik kann leicht zu einem weiteren Punkt auf der To-do-Liste werden. Ich habe gelernt, dass das Üben in solchen Fällen nicht als Verpflichtung überleben kann. Es muss ein persönlicher Raum bleiben. Für mich ist Musik kein Ort, an dem ich etwas beweisen muss, sondern ein Ort, an dem ich mich daran erinnere, wer ich bin. Wenn das Leben also kompliziert wird, frage ich mich nicht, wie viel ich üben sollte. Ich frage mich, wie ich die Distanz zwischen mir und dem Instrument verringern kann. Da kommt dann die Freude ins Spiel, nicht als Unterhaltung, sondern als Neugier. Manchmal dauert dieser Raum zehn Minuten, manchmal länger. Wichtig ist, die Verbindung zu schützen. Wenn sie lebendig bleibt, folgt das Konsequentsein ganz von selbst.

Wie definierst du ein Übe-Ziel, das dich tatsächlich durch die Woche trägt?
Ich setze mir eigentlich keine Wochenziele mehr. Das Leben verläuft nicht in klar voneinander abgegrenzten Abschnitten. Anstatt mir also eine Struktur aufzuzwingen, die nicht immer passt, setze ich mir Ziele pro Session. Jedes Mal, wenn ich mich mit der Gitarre hinsetze, frage ich mich, was gerade meine Aufmerksamkeit verdient. Die Antwort hängt davon ab, wo ich mich im Lebenszyklus des jeweiligen Stücks befinde. Zunächst sind es mentale Fortschritte: das Verständnis der Musik sowie ihrer Richtung und Struktur. Ich mache so lange weiter, bis diese Klarheit wächst, auch wenn meine Finger noch nicht bereit sind. Wenn etwas unklar ist, halte ich inne und bleibe dort. Sobald ich das Stück in meinem Kopf verinnerlicht habe, wird die Arbeit adaptiv, aber niemals zufällig. Das Ziel ist es nicht, um jeden Preis einem Plan zu folgen, sondern mit der Musik in Kontakt zu bleiben, aufmerksam und bewusst.

Wenn du nur wenig Zeit hast (etwa 15 bis 25 Minuten), was sollte diese Session beinhalten, damit sie sich dennoch sinnvoll anfühlt und dich weiterbringt?
Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, dass eine sinnvolle Übe-Session alles beinhalten müsse: Aufwärmen, Technik, Studium, Repertoire. Diese Struktur kann sehr wirkungsvoll sein, aber wenn das Leben unvorhersehbar wird, führt das zu Frustration, wenn man zu oft daran scheitert, und Frustration unterbricht die Kontinuität. Also habe ich aufgehört, mich zu fragen, wie ich alles unterbringen kann, und frage mich stattdessen, was mich zum Instrument hinzieht. Die Antwort ist fast immer die Musik. Wenn ich zehn oder fünfzehn Minuten Zeit habe, arbeite ich an einem bestimmten Problem, wie einem Akkordwechsel oder einem Takt. Diese Minuten summieren sich. Mit einer halben Stunde nehme ich mir etwas Komplexeres vor, ohne Klarheit zu erwarten, sondern Fortschritte. Diese kurzen Einheiten halten das Üben am Leben.

Was sind deine besten Strategien, das “Üben im Autopiloten” zu vermeiden und über Monate hinweg motiviert zu bleiben, insbesondere nachdem du einige Tage pausiert hast und wieder in den Flow kommen musst?
Der Autopilot setzt ein, wenn das Zuhören aufhört, weshalb für mich Musik immer vor Technik kommt. Was mir sehr hilft, ist, mich vom Instrument zu entfernen. Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, gehe ich in Gedanken die Stücke durch, an denen ich gerade arbeite. Ohne die Gitarre ist die Fantasie freier, und oft finde ich musikalische Ideen, die mir beim Spielen entgehen würden. Deshalb singe ich ständig, wenn ich übe, und bleibe so mit dem Klang verbunden. Außerdem denke ich in längeren Zeiträumen und gebe mir Zeit, ein Stück zum Leben zu erwecken. Wenn das Üben unregelmäßig wird, hilft mir ein einfacher Übe-Tracker, ohne Schuldgefühle wieder anzufangen, indem er mir zeigt, wo ich aufgehört habe. Es geht darum, eine Struktur zu finden, die dich zum Hinhören anregt und nicht nur zum Wiederholen.

Wenn du einen Satz auf ein Plakat drucken lassen könntest, das in riesiger Auflage bei allen (klassischen) Musik-Festivals der Welt hängen würde. Welcher wäre das?
Sei geduldig mit der Zeit, aber anspruchsvoll mit deinen Intentionen.

FEEL-GOOD-MELODIE DER WOCHE
mit The Fearless Flyers

Ob zwischen Probe und Unterrichten, nach dem Üben, vor dem Konzert oder einfach zwischendurch: Kopfhörer auf, kurz raus aus dem Rauschen, gut fühlen.

Unsere Feel-good-Melodie der Woche!

OUTRO

Vielen Dank fürs Lesen! Anregungen und Anmerkungen gerne direkt als Antwort auf diese Ausgabe. In der nächsten Ausgabe – so viel sei verraten – wird es einen spannenden Bericht zum Thema Gitarrenbau geben.

Neue Musikentdeckungen – auch von Artists, über die wir in der heutigen Ausgabe geschrieben haben – wie immer in unserer Spotify-Playlist zum Newsletter, die wir weiter unten verlinkt haben.

Seid gut zueinander.

Wir hören und lesen uns!

Stefan & Willi

supported by

New Classical Guitar ist ein Newsletter von Willi Leinen und Stefan Degel von TMBM. Unsere Musik und weitere Infos zu unserem Werdegang findet ihr unter t-m-b-m.com

Auf Spotify kuratieren wir eine Playlist mit unseren Lieblingsstücken. Ihr könnt unserer New Classical Guitar Playlist unter https://open.spotify.com/playlist/3ZwxJRAsW9Zs2JiS2eLy6a?si=9b2a737f01c043a4 folgen und uns gern neue Empfehlungen schicken.