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Ausgabe 41
In dieser Ausgabe: Rosie Bennet im Youtube-Fund der Woche, Album der Woche von Daniela Rossi, Noten für die Morgenroutine mit Leon Albert, Interview mit Thomas Fellow und die Feel-good-Melodie der Woche mit Fernanda Tarrech
Hey!
Schon an anderer Stelle haben wir die Repertoire-Schwächen hinsichtlich weiblicher Komponisten thematisiert und anlässlich des Weltfrauentags vor ein paar Tagen möchten wir darauf heute und auch in Zukunft gerne Bezug nehmen. Wir freuen uns, wie viel da mittlerweile passiert. Außerdem sind wir äußerst erfreut darüber, dass wir auf ein Album gestoßen sind, das zukünftig ganz vorne im Regal einsortiert wird – und dass Leon sein Ding durchzieht. Sollten wir alle machen! Kernstück der heutigen Ausgabe ist mit Sicherheit das Interview mit Thomas Fellow. Musik kennt keine Grenzen und so war es besonders spannend, einen Einblick in seine Kompositions- und Gedankenwelt zu bekommen!
Viel Spaß beim Lesen,
Stefan und Willi
YOUTUBE-FUND DER WOCHE
mit Rosie Bennet
Letzten Sonntag war Internationaler Frauentag (8. März). Dazu passt dieses Video auf eine ganz unaufgeregte, aber umso schönere Weise: Rosie Bennet spielt ihre Gitarrenfassung von Prélude, Op. 10 der französischen Komponistin Mel Bonis. Wie wir wissen, galt das Komponieren in vielen bürgerlichen Kontexten nicht als angemessener Weg für eine Frau, und weibliche Autorinnenschaft wurde häufig weniger ernst genommen oder schlicht ausgebremst. Mel Bonis hat deshalb früh den androgynen Namen „Mel“ benutzt, um nicht schon auf dem Titelblatt sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Und die gesellschaftlichen Erwartungen betrafen nicht nur ihre Arbeit als Komponistin: Als eine Beziehung zu einem Sänger bekannt wurde, zog ihre Familie sie zeitweise sogar vom Konservatorium ab – ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, wie eng die Grenzen gesteckt waren.
Rosies Bennets Bearbeitung fühlt sich nicht wie eine reine “Transkription” an, sondern vielmehr wie ein echtes Repertoire-Update. Und musikalisch hört man sehr schnell, warum sie findet, dass wir Mel Bonis alle auf dem Radar haben sollten.
ALBUM DER WOCHE
mit Daniela Rossi

Das heutige Album der Ausgabe widmet sich einem der innovativsten zeitgenössischen Komponisten und Gitarristen – Dušan Bogdanović. Er selbst beschreibt das Album als “mehrdimensionales Tagebuch“ seiner Werke von 1977 bis 2024.
Von den balkanischen Folk-Einflüssen der frühen “Sonate Nr. 1” über seine von Jazz- und Weltmusik geprägten mittlere Schaffensphase bis hin zur emotionalen und spirituellen Versöhnung von Freude und Trauer in “Lux et umbra”, einem Werk, das der Gitarristin Daniela Rossi gewidmet ist.
Womit wir schon bei der Hauptakteurin der Platte wären: Daniela Rossi. Sie spannt mit ihrer Interpretation dieser durchweg (sehr) anspruchsvollen Stücke einen eigenen musikalischen Bogen, dem wir nur allzu gern gefolgt sind. Ihr grundsätzlich sehr energetisches Spiel bekommt mit einer homogenen Klangästhetik und eben schönen musikalisch nachvollziehbaren Bögen genau die richtige Mischung, um euch diese Bogdanovic-Sammlung besten Gewissens ans Herz legen zu können.
Konkrete Empfehlung: “Guitar Sonatina ‘Homage to J. Haydn’” und das eingangs schon erwähnte “Lux et umbra”.
Diese Platte bleibt weit vorne im Regal!
Enjoy!
MORGEN-ROUTINE
Auf einen Kaffee mit Leon Albert

Hi Leon, was ist die Routine für diese Woche?
Sich nicht beirren lassen und das eigene Ding durchziehen.
INTERVIEW
“Ich bin überzeugt davon, dass die Musik, der man besonders gern und intensiv zuhört, uns letztlich auch am meisten prägt.”
Wie man seinen eigenen Kompositionsstil findet

mit Thomas Fellow
Thomas Fellow gilt als die treibende Kraft für die Aufhebung der klaren Trennung zwischen Klassischer Gitarre und Stilistiken wie Weltmusik oder Jazz. Nach einer beachtlichen Karriere als noch junger klassischer Gitarrist fing er an, Elemente wie Soundästhetik und Spieltechnik aus dem Jazz und der Weltmusik auf die klassische Gitarre zu übertragen und einen eigenen Stil zu formen, den er seit über 25 Jahren in einem der ersten Studiengänge dieser Art in Dresden/Deutschland vermittelt und an junge Gitarrist*innen weitergibt. Unzählige Kompositionen für unterschiedliche Schwierigkeitslevel zeugen von seinem hohen Output an Kreativität und handwerklichem Geschick.
Zuletzt veröffentlichte Thomas Vol. 7 seiner Fellow Guitar Music Collection mit dem Titel Fin de Siècle. Darin enthalten sind Solostücke, gewidmet einem engen Kreis an Gitarrist*innen wie Pavel Steidl, Zoran Dukic, Valeria Galimova u. a.
Für diejenigen von euch, die mal (wieder) richtig Arbeit ins Lernen eines neuen Stücks investieren wollen, verlinken wir euch dieses Buch unten.
Allen, die sich mit der Klangwelt von Thomas Fellow vertraut machen wollen, empfehlen wir Fingerfood Light.
Und für diejenigen, die für ihre Schüler*innen Spielstücke suchen, die out of the box der gängigen Literatur gedacht sind und einfach cool klingen, verlinken wir noch Children’s Corner.
Jetzt aber zum Interview mit Thomas. Uns hat u. a. interessiert, wie er seinen eigenen Stil entwickelt hat, wie er beim Komponieren vorgeht und ob er bestimmte Komponist*innen als Vorbilder hat.
Hi Thomas! Wie hast du zu deinem persönlichen Kompositionsstil gefunden? Inwiefern hast du diesen bewusst entwickelt?
Ich bin überzeugt davon, dass die Musik, der man besonders gern und intensiv zuhört, uns letztlich auch am meisten prägt. Zu welcher Art Musik man sich hingezogen fühlt, ist wohl kaum zu steuern. Und auch die erste Idee ist bei mir nur sehr selten vorgeprägt oder eingegrenzt. Ein wirklich intensiver und bewusster Vorgang ist allerdings all das, was zwischen dem Interesse für einen Stil oder eine Klangwelt und dem Komponieren liegt, nämlich die tiefere Beschäftigung mit den jeweiligen Stilelementen.
Wenn du für Solo-Gitarre komponierst – welcher Instanz widmest du dich zuerst: der Melodie, der Begleitung und ihrem rhythmischen Charakter? Oder einem größeren (Klang-)Bild, das vorerst keine Trennung dieser beiden Ebenen beinhaltet?
Ich würde denken, dass ich zuallererst eine Charakteristik, vergleichbar mit einer Person in einem Roman, im Sinn habe. Das beinhaltet dann alle Elemente, die prägend für diese erste Idee und Grundstimmung sind. Damit findet sich dann auch eine Grundlage für musikalische Entwicklungen und Kontraste. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass ich bereits nach wenigen Takten fast immer den Titel für das Stück im Kopf habe und ziemlich genau einschätzen kann, wie lang diese Idee etwa trägt (also wie lang das Stück am Ende etwa wird). Dann schreibe ich ziemlich schnell und oft sehr im Fluss. Ganz am Ende und mit etwas Abstand folgen dann zumeist noch kleinere Korrekturen und Anpassungen.
Hast du eine*n Komponist*in, der*die dir als Vorbild dient, dich inspiriert oder den*die du gar analysierst, um die jeweilige kompositorische Struktur besser zu verstehen?
Da gibt es einige über alle Maßen inspirierende Komponist*innen und fast alles, was ich intensiv genug höre, analysiere ich auch auf die ein oder andere Weise. In vielerlei Hinsicht prägen mich dabei vor allem spätromantische und impressionistische Musik, also Konzertmusik von Mahler, Strauss, Rachmaninoff, Stravinsky und so weiter. Aber dies ist nur eine Seite der Medaille. Ebenso prägend erscheinen mir Jazzmusiker*innen wie (vor allem) Pat Metheny, Filmmusik-Komponist*innen wie John Williams und Songwriter*innen wie z. B. Joni Mitchell. Auf diese Weise kann man das Faible für Melodien durch das Hören guter Popsongs entwickeln, harmonischen Reichtum durch spätromantische Musik oder Jazz entdecken und einen Sinn für Form durch das Analysieren von Beethoven etablieren.
Noch ein anderes Thema: Was muss deiner Ansicht nach eine heranwachsender Gitarrist*in heutzutage mitbringen, um den Anforderungen der Welt der klassischen Gitarre gerecht zu werden und vor allem, in ihr seinen*ihren Platz zu finden, um bestehen zu können?
Zu einem*einer Berufsmusiker*in gehört zunächst die Berufung, also tiefes Interesse und die Fähigkeit zu großer Hingabe. Es ist kein guter Beruf für halbe Energie. Und dann empfehle ich, mit großer Neugier und Offenheit sehr viele verschiedene Konstellationen und Stile auszuprobieren, stets auf der Suche nach der Klangwelt, welche man am besten und authentischsten repräsentiert und welcher man idealerweise seinen eigenen Stempel aufdrücken kann.
Wenn du einen Satz auf ein Plakat drucken lassen könntest, das in riesiger Auflage bei allen (klassischen) Musik-Festivals der Welt hängen würde. Welcher wäre das?
Darf ich zwei wählen? "Musik kennt keine Grenzen!" und "Be different – be you!"
Hier findet ihr die empfohlenen Hefte von Thomas Fellow dem Schwierikeitsgrad nach geordnet:
FEEL-GOOD-MELODIE DER WOCHE
mit Fernanda Tarrech
Ob zwischen Probe und Unterrichten, nach dem Üben, vor dem Konzert oder einfach zwischendurch: Kopfhörer auf, kurz raus aus dem Rauschen, gut fühlen.
Unsere Feel-good-Melodie der Woche!
OUTRO
Vielen Dank fürs Lesen! Anregungen und Anmerkungen gerne direkt als Antwort auf diese Ausgabe. Neue Musikentdeckungen – auch von Artists, über die wir in der heutigen Ausgabe geschrieben haben – wie immer in unserer Spotify-Playlist zum Newsletter, die wir weiter unten verlinkt haben.
Seid gut zueinander.
Wir hören und lesen uns!
Stefan & Willi
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New Classical Guitar ist ein Newsletter von Willi Leinen und Stefan Degel von TMBM. Unsere Musik und weitere Infos zu unserem Werdegang findet ihr unter t-m-b-m.com
Auf Spotify kuratieren wir eine Playlist mit unseren Lieblingsstücken. Ihr könnt unserer New Classical Guitar Playlist unter https://open.spotify.com/playlist/3ZwxJRAsW9Zs2JiS2eLy6a?si=9b2a737f01c043a4 folgen und uns gern neue Empfehlungen schicken.

