Ausgabe 42

In dieser Ausgabe: Orlando Pellicori im Youtube-Fund der Woche, Album der Woche von Antigoni Goni, Noten für die Morgenroutine mit Leon Albert, Interview mit Rosie Bennet und die Feel-good-Melodie der Woche mit TEKNOIR

Hey!

Woraus bezieht ihr eure kreative Kraft? Was inspiriert euch? Wir hatten die letzten zwei Wochen wieder einige Inspirationsquellen bei der Recherche zur vorliegenden Ausgabe. Leon Albert bezieht seine kreative Kraft aus der inneren Unruhe und hat uns wieder ein Kleinod an Etüde vorgelegt. Im YouTube Fund der Woche sind gleich mehrere Dinge inspirierend. Die stilvolle Interpretation, aber auch die Farbenpracht und das Licht der Video-Location. Das Album der Woche besticht durch die außergewöhnliche Musikalität und die besondere Repertoire-Auswahl der Interpretin, während das Interview passend dazu spannende Antworten von Rosie Bennet zu eben letzterem Thema parat hält.

Viel Spaß beim Lesen,
Stefan und Willi

YOUTUBE-FUND DER WOCHE
mit Orlando Pellicori

Die Schönheit der ersten Kameraeinstellung ist kaum zu toppen und während man diese Farbenpracht der Deckenbemalung bewundert und vom Licht beeindruckt ist, schwenkt die Kamera sehr langsam auf den Interpreten und wir sind schon mittendrin in Lliobets Variationen über ein Thema von Fernando Sor. Die Interpretation von Orlando Pellicori hält, was die Anfangssequenz verspricht. Es ist auditiv und visuell ein Genuss. Schaut’s euch an! Wie gerne hätten wir diesen Moment live erlebt.

ALBUM DER WOCHE
mit Antigoni Goni

Eine Platte, viele neue Eindrücke und Anregungen. So ging es uns jedenfalls beim Durchhören des heutigen Albums der Ausgabe.

Antigoni Goni interpretiert auf Hymn to the Muse eine ordentliche Menge an zeitgenössischen Stücken, alle komponiert ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und einer weiteren Gemeinsamkeit: das Heimatland der Gitarristin – Griechenland.

Neben unseren immer gerne gehörten “alten Bekannten” Dušan Bogdanović (“Hymn to the Muse”) und Sérgio Assad (“Three Greek Letters”) sind wir vor allem bei folgenden Komponisten hängen geblieben: Atanas Ourkouzounov (*1970), der in den “Four Greek Miniatures” eine ganz eigene, diffizile, energische Klangwelt errichtet. Und Manos Hadjidakis, einer DER griechischen Komponisten, vor allem bekannt durch sein 1965 erschienenes Album Gioconda’s Smile (ebenfalls eine Hörempfehlung unsererseits) – produziert von keinem Geringeren als Quincy Jones. Drei Stücke davon spielt Antigoni, arrangiert für Gitarre. Der reinste Genuss!

Überhaupt steht bei dieser Platte, so besonders die Komponisten und deren Kompositionen sein mögen, ganz klar die Interpretin Antigoni Goni im Vordergrund. Ihr Spiel fesselt durch eine ganz natürliche Musikalität. Sie bewegt sich in einem selbstverständlich organischen Puls und einer extrem einheitlichen Tongebung.

Gönnt euch eine Auszeit, tut euren Ohren etwas Gutes!

MORGEN-ROUTINE
Auf einen Kaffee mit Leon Albert

Hi Leon, was ist die Routine für diese Woche?

Innere Ungeduld als Kraftquelle nutzen.

INTERVIEW

“Was den Schaffensprozess angeht, gönne ich mir völlige Freiheit!”

Über Repertoireerweiterung und -auswahl

mit Rosie Bennet
Die Gitarre stand schon immer mit einem Bein in der klassischen Tradition und mit dem anderen etwas außerhalb davon. Rosie Bennet nutzt diese Spannung und macht sie zur Methode: Repertoire als Neugier, Arrangieren als künstlerische Haltung und Programmgestaltung als Mittel, um den Begriff “klassische Gitarre” heute neu zu definieren. Neben ihren Veröffentlichungen hat sie sich auch eine starke Online-Präsenz aufgebaut und moderiert den Podcast “Fret Not”, um den Dialog rund um das Instrument am Laufen zu halten.

Wir wollten wissen, was die musikalischen Welten verbindet, aus denen sie in letzter Zeit schöpft, wie sie über Freiheit und Verantwortung denkt, wenn sie Musik für die Gitarre adaptiert, was ein neues Stück lohnenswert macht, und wie sie all diese Aktivitäten unter einen Hut bringt, ohne Zeit am Instrument zu verlieren. Wie immer schließen wir mit unserer Posterfrage.

Hi Rosie! Deine jüngsten Veröffentlichungen sind allesamt Musikstücke, die ursprünglich aus anderen Klangwelten stammen als derjenigen der klassischen Gitarre. Welchen roten Faden verfolgst du mit dieser Auswahl?
Ja, abgesehen von den Barrios-Aufnahmen stammen alle Veröffentlichungen aus unterschiedlichen musikalischen Welten! Meine musikalische Ausbildung war sehr klassisch geprägt, und ich hatte immer damit zu kämpfen, dass die Gitarre ganz am Rand des klassischen Kanons stand. Die meisten Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, empfanden die Gitarre als Außenseiterin, der etwas fehlte und die sich in den Raum zwängen musste, den traditionelle Instrumente geschaffen hatten. Mit Anfang 20 begann ich, außerhalb meines unmittelbaren Umfelds nach Vorbildern zu suchen, und stellte fest, dass viele der Gitarrenhelden – Sor, Tarrega, Barrios – durch ihre Arrangements auf eine andere Art und Weise an der klassischen Tradition teilnahmen. Mir wurde klar, dass das Arrangieren keine „Lösung“ für das Pseudoproblem des begrenzten Repertoires der Gitarre war, sondern dass es tatsächlich die Rolle der Gitarre im klassischen Kanon ausmacht.

Was erlaubst du dir zu ändern, wenn du ein Stück für die Gitarre bearbeitest, und wo gehst du keine Kompromisse ein?
Was den Schaffensprozess angeht, gönne ich mir völlige Freiheit! Mir ist klar geworden, dass man als Musiker*in nicht nur dadurch definiert wird, die musikalischen Ideen umsetzen zu können, sondern vor allem dadurch, überhaupt über musikalische Vorstellungskraft und Ideen zu verfügen. Um ein überzeugendes Arrangement zu schaffen, das sich für mich und das Instrument authentisch anfühlt, ist es wichtig, dass ich mit einem leeren Blatt beginne und die ursprüngliche Inspiration, die mich zu dem Stück hingezogen hat, einfließen lasse. Ich versuche, mir das Werk nicht anzuhören, sondern mir stattdessen völlige Flexibilität bei jedem musikalischen Parameter zu gönnen. Besonders bei den Songs, wie dem von Laura Marling, war es mir viel wichtiger, die eindringliche Stimmung und das Gefühl der Unausweichlichkeit einzufangen und nachzubilden, als mich an die Noten der Melodie oder gar an die Struktur zu halten.

Worauf achtest du als Erstes, wenn du neue Musik auswählst, und woran erkennst du, dass ein Stück es wert ist, sich damit zu beschäftigen?
Eines der ersten Stücke, die ich für Sologitarre arrangiert habe, war Ravels “Tzigane”, und das hat mir gezeigt, dass man mit genügend Inspiration, Kreativität und Bereitschaft wirklich aus allem ein gelungenes Arrangement machen kann! Der Prozess hat sich also dahingehend verändert, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, was funktionieren könnte und was nicht, sondern mich von dem inspirieren lasse, was mir in den Sinn kommt, und mir vorstelle, was ich spielen könnte. Einer der lohnendsten Aspekte meines Vertrags bei Sony Classical ist die Zusammenarbeit mit A&R-Managerinnen, die eine unendlich gewagte Vorstellungskraft für die Programmgestaltung haben. Ich glaube, dass das traditionelle klassische Bildungssystem nicht genug Wagemut beinhaltet, daher war es eine der größten Freuden, gemeinsam Ideen zu entwickeln, zuzuhören und kreativen Mut an den Tag zu legen.

Neben deinen Veröffentlichungen bist du auch online sehr aktiv, unter anderem als Moderatorin des „Fret Not“-Podcasts. Wie schaffst du es, all das unter einen Hut zu bringen, ohne dass dein Spielen und Üben zu kurz kommt?
Im Mittelpunkt all meiner Online-Aktivitäten steht immer nur das Reden über Musik und das Musizieren selbst. Daher ist es ehrlich gesagt ein recht einfacher Balanceakt, und ich schätze mich unglaublich glücklich, dass ich so leben kann. Als Kind fand ich das Üben so langweilig – ich glaube, weil es in der traditionellen klassischen Musik viele Regeln gibt, die einem viele Leute aufzwingen wollen, sodass man das Gefühl hat, ständig „Nein“ zu hören. Jetzt übe ich nach den inspirierendsten Gesprächen mit Brian May oder nachdem ich einen Artikel über Adornos Theorie der musikalischen Wahrheit geschrieben und geteilt und darüber gesprochen habe. Trotz der negativen Seiten der sozialen Medien stehen im Mittelpunkt Gespräche, Zusammenarbeit und der Austausch von Ideen, sodass ich immer das Gefühl habe, dass ich daraus Energie schöpfe!

Wenn du einen Satz auf ein Plakat drucken lassen könntest, das in riesiger Auflage bei allen (klassischen) Musik-Festivals der Welt hängen würde. Welcher wäre das?
Es gibt keine musikalische Wahrheit, sondern nur Interpretationen.

FEEL-GOOD-MELODIE DER WOCHE
mit TEKNOIR

Ob zwischen Probe und Unterrichten, nach dem Üben, vor dem Konzert oder einfach zwischendurch: Kopfhörer auf, kurz raus aus dem Rauschen, gut fühlen.

Unsere Feel-good-Melodie der Woche!

OUTRO

Vielen Dank fürs Lesen! Anregungen und Anmerkungen gerne direkt als Antwort auf diese Ausgabe. Neue Musikentdeckungen – auch von Artists, über die wir in der heutigen Ausgabe geschrieben haben – wie immer in unserer Spotify-Playlist zum Newsletter, die wir weiter unten verlinkt haben.

Seid gut zueinander.

Wir hören und lesen uns!

Stefan & Willi

supported by

New Classical Guitar ist ein Newsletter von Willi Leinen und Stefan Degel von TMBM. Unsere Musik und weitere Infos zu unserem Werdegang findet ihr unter t-m-b-m.com

Auf Spotify kuratieren wir eine Playlist mit unseren Lieblingsstücken. Ihr könnt unserer New Classical Guitar Playlist unter https://open.spotify.com/playlist/3ZwxJRAsW9Zs2JiS2eLy6a?si=9b2a737f01c043a4 folgen und uns gern neue Empfehlungen schicken.